Nahtoderfahrung

Religion - Philosophie



Nahtoderfahrung - Was passiert, wenn wir sterben?


Von Claudia Frickel
(c) imago/CHROMORANGE - (Quelle: GMX)


Am Rande des Todes erleben viele Menschen erstaunlich ähnliche Dinge: Sie sehen Lichter und einen Tunnel, sie fühlen sich, als würden sie im Raum schweben und sind glücklich. Wissenschaftlich beweisen lassen sich solche Nahtoderfahrungen nicht – aber auch nicht leugnen.


Ein helles, warmes Licht am Ende eines Tunnels, das Verlassen des eigenen Körpers und ein Schweben im Raum: Kommt all das auf einen Menschen zu, wenn er stirbt? Was nach dem Tod mit dem Bewusstsein eines Menschen passiert, ist eines der großen Rätsel, das die Wissenschaft noch nicht gelöst und aufgeklärt hat.

Doch es gibt Frauen und Männer, die die Schwelle zwischen Tod und Leben schon einmal überschritten haben: Sie waren klinisch tot, konnten aber wiederbelebt werden. Viele von ihnen berichten über Nahtoderfahrungen, und zwar in allen Kulturen der Welt. Erstaunlicherweise tauchen in all diesen Berichten immer wieder ähnliche Elemente auf: das Licht, der Tunnel und das Schweben. Es gibt noch andere immer wiederkehrende Dinge. Die Beinahe-Toten berichten, sie hätten lang verstorbene Familienmitglieder und Freunde wiedergesehen. Außerdem empfanden sie ein Gefühl von tiefem Frieden und sahen das eigene Leben wie einen Film vorbeiziehen. Sie waren enttäuscht, als sie wieder in ihren Körper zurückkehren mussten.

Vier Millionen Menschen in Deutschland sollen nach Angaben des "Netzwerk Nahtoderfahrung" schon einmal ein solches Erlebnis gehabt haben – meist, als sie sich in einer irgendwie lebensbedrohlichen Situation befanden. Der britische Kardiologe Sam Parnia interviewte 140 reanimierte Herzpatienten, von denen neun Nahtoderfahrungen hatten. Viele der Betroffenen erzählen von ihren Erfahrungen, etwa in Blogs und Foren. Auf seiner Webseite sammelt das Netzwerk Berichte, es sind weltweit unzählige Bücher zum Thema erschienen.


Der Himmel als das Paradies


Der vierjährige Colton Burpo aus den USA hatte ein Nahtoderlebnis während einer schweren Operation. Der Blinddarm des Jungen war geplatzt, seine Chancen standen schlecht. Doch er überlebte und erzählte anschließend, was er gesehen hatte: Im Himmel will er unter anderem Petrus, Maria und Gott getroffen haben, Jesus ritt auf einem Regenbogenpferd. Auch seiner toten Schwester begegnete er – dabei konnte der Junge nicht von ihr wissen. Seine Mutter hatte Jahre zuvor eine Fehlgeburt gehabt. Coltons Vater, ein Pastor, schrieb das Buch "Den Himmel gibt’s echt" über die Erlebnisse seines Sohnes. Es wurde ein Bestseller und später verfilmt.

Auch der Neurochirurg Eben Alexander will den Himmel gesehen haben. Nach einer bakteriellen Hirnhautentzündung lag er sieben Tage im Koma. Sein Gehirn war größtenteils ohne Funktion, sodass er zwar nicht für tot erklärt wurde, aber kein Bewusstsein hatte. Alexander schrieb später ebenfalls ein Buch, "Blick in die Ewigkeit", in dem er seine Erfahrungen beschrieb. Er sei aus seinem Körper herausgeglitten und in den Himmel aufgestiegen. Dort will er Gott begegnet sein, in Form eines Nebels aus endloser Liebe. Alexanders Beschreibung des Jenseits klingt allerdings ziemlich kitschig; so will er auf den Flügeln eines Schmetterlings gereist sein.


Der Körper schwebte im Operationssaal


Die Erlebnisse anderer Nahtod-Betroffener hören sich weniger abgehoben ab. "Bei einer Herzkatheteruntersuchung mit Ballondilatation 'verließ' mein Ich-Bewusstsein völlig unerwartet meinen Körper und 'schwebte' halbhoch im Operationssaal. Wie einen lästigen Mantel hatte ich den 'alten' Körper abgelegt", heißt es in einem Bericht beim Netzwerk Nahtoderfahrung. Ein anderes Erlebnis beschreibt "ein vollkommenes Glück, eine Leichtigkeit und innere Ruhe, deren Intensität sich mit Worten nicht beschreiben lässt. Es war, als wäre die ganze Last des Erdenlebens von mir gewichen". Von Nahtoderfahrungen berichten auch Prominente. Ex-US-Präsident Bill Clinton erzählte nach einer Herz-Operation von einem Kreis aus Licht. Schauspielerin Sharon Stone flog auf ein weißes Licht zu, als sie nach einer geplatzten Arterie innere Blutungen hatte.


Eine schwarze Leere ohne Bewusstsein


Der Schwede Sasha Eliasson war nach eigenen Angaben schon zweimal für zwei Minuten klinisch tot. Einmal nach einem Motorradunfall und einmal nach einer versehentlichen Überdosis Schmerzmittel.
Er sah aber weder einen Tunnel noch ein Licht, sondern lediglich eine Art "schwarze Leere" ohne Bewusstsein. Er beschrieb das Erlebnis als Nickerchen ohne Traum. Seit Jahren versuchen Forscher, solche Erlebnisse wissenschaftlich zu untersuchen. Mit Hilfe von Maschinen und Operationen können Ärzte Menschen, die schon minutenlang tot sind, ins Leben zurückholen. Aber was passiert in der Zeit zwischen dem Eintritt des Todes und dem Wiederbeleben? Was geschieht dann mit dem Bewusstsein? Das Problem: Es ist unmöglich, die subjektive Erfahrung eines Menschen objektiv zu erforschen.


Nahtoderfahrung als Inszenierung des Gehirns?


Die meisten Wissenschaftler gehen davon aus, dass das Bewusstsein ohne Körper nicht existieren kann und einfach erlischt. Nahtoderfahrungen sind demnach nur eine Art Inszenierung des Gehirns, das letzte Erleben eines sterbenden Organs. Dafür sprechen Tierversuche: Kurz nach einem Herzstillstand waren die Gehirne von Ratten noch einmal sehr aktiv. Ob sich das auf Menschen übertragen lässt, ist offen. Die Bilder und Erlebnisse der Beinahe-Toten könnten auch als eine Art Rauschzustand erklärt werden, hervorgerufen durch starke Medikamente oder Narkosemittel. Manche Forscher meinen auch, dass Sauerstoffmangel biochemische Reaktionen hervorrufen kann, ebenso wie zu viel Kohlendioxid im Blut. Denkbar sind auch sogenannte autoskopische Halluzinationen, die im Zentralnervensystem entstehen und als Loslösen vom Körper beschrieben werden.


Wieso sehen Nahtod-Betroffene konkrete Dinge?


Aber wenn die Betroffenen nur eine Art Wahnvorstellung hatten, wie kann es dann sein, dass sie reale und konkrete Dinge sahen und erlebten, während sie bewusstlos oder sogar tot waren? Das können Wissenschaftler bislang nicht erklären. Der niederländische Kardiologe Pim van Lommel schrieb 2001 in einem Fachmagazin über einen seiner Patienten. Dieser wurde nach einem Herzstillstand eingeliefert, er war klinisch tot. Ärzte reanimierten den 44-Jährigen. Dabei entfernte eine Krankenschwester sein Gebiss, um ihn mit einem Schlauch beatmen zu können. Der Mann überlebte.

Wenige Tage später sah der Patient die Krankenschwester wieder und sagte: "Da ist ja die Frau, die weiß, wo mein Gebiss ist." Er beschrieb zudem Details der Reanimation und erinnerte sich, dass die Frau das Gebiss in eine Schublade gelegt hatte. Der Mann erklärte, er habe seinen Körper verlassen und sich selbst gesehen. Van Lommel interviewte anschließend für sein Buch "Endloses Bewusstsein" fast 350 Patienten, die als klinisch tot galten und ins Leben zurückkehrten. 62 von ihnen berichteten detailliert von Nahtoderlebnissen – bei den meisten kamen ein Tunnel und das helle Licht vor, sie fühlten sich geborgen. Van Lommel wollte beweisen, dass die Menschen wirklich ihren Körper verlassen hatten, und dachte sich ein Experiment aus. Er brachte im Operationssaal grüne Kreuze und rote Kreise an. Hätte einer der wiederbelebten Patienten nach dem Aufwachen von den Zeichen erzählt, wäre dies ein Beweis dafür, dass sie wirklich außerhalb ihres Körpers schwebten. Doch bisher hatte Van Lommel keinen Erfolg: Keiner der Betroffenen erinnerte sich an die Kreuze und Kreise.


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